Die Formen der Liebe
7/13/20254 min read
In meiner Praxis für psychologische Beratung reden wir oft über die verschiedenen Formen der Liebe, Unterstützung und auch Veränderung. Ob es mit einer jungen Klientin ist, die sich schwer tut, die Erwartungen der Familie zu erfüllen, Paare die sich augenscheinlich verloren haben oder Menschen, die sich generell mit dem Thema Liebe schwer tun.
Diese Themen beschäftigen mich natürlich nicht nur in den 60 Minuten mit meinen Klient*innen sondern auch in meinem Leben, denn auch ich habe die unterschiedlichsten Rollen an denen Erwartungen geknüpft sind von außen oder meine eigenen. Im Urlaub habe ich über das Thema nachgedacht - ohne Termine, ohne Nachrichten, ohne den Druck, produktiv zu sein. Und genau da – wo nichts von außen kam – und meine Gedanken Freiraum hatten, hat sich etwas in mir bewegt:
Wie wir lieben – oder lieben wollen - nicht nur die romantische. Sondern über all die Arten,
Und darüber, wie sehr diese Formen unser Leben beeinflussen – manchmal stärken, manchmal auch herausfordern.
Und darüber, wie viel Liebe auch in Veränderung liegt – wenn wir es schaffen, einander zu halten.
Familienliebe – und der Schmerz, wenn sie nicht trägt
„Aber es ist doch deine Familie…“
Ein Satz, der oft fällt, wenn es um Konflikte oder Distanz geht.
Familie gilt als das selbstverständlichste Band. Ein sicherer Ort. Doch was, wenn das nicht so ist?
Viele Menschen erleben in familiären Beziehungen keinen Halt, sondern Druck.
Die Liebe dort ist oft nicht bedingungslos – auch wenn sie so genannt wird. Sie ist an Erwartungen geknüpft:
Wie man zu sein hat. Wie man lebt. Was man sagt. Was man nicht fühlt.
Bindungsforscher*innen erklären, dass es besonders schwer ist, sich von der eigenen Familie zu distanzieren – selbst wenn es notwendig wäre. Denn unsere ersten Bilder von Nähe, Sicherheit und Identität sind an sie geknüpft. Ein Bruch fühlt sich oft an wie Verrat an sich selbst.
Und doch: Manchmal ist genau dieser Bruch der einzige Weg zur Selbstachtung.
Weil Liebe, die ständig verletzt, keine Liebe ist, an der man bleiben muss.
Und manchmal – wenn Verständnis wächst und Erwartungen losgelassen werden – ist auch Versöhnung möglich.
Nicht, weil alles wieder so wird wie früher, sondern weil ein neuer Raum entsteht: einer, in dem man sich so begegnet, wie man heute ist.
Paarliebe – zwischen Wandel, Halt und der Frage: Gehen wir gemeinsam weiter?
Die romantische Liebe steht im Rampenlicht. In Serien, Songs, auf Werbeplakaten. Sie ist das Ideal.
Aber sie ist oft auch: unfassbar komplex.
Romantische Beziehungen verändern sich mit der Zeit.
Was einmal leicht und selbstverständlich war, wird mit den Jahren manchmal ein Aushandlungsprozess:
Was brauchen wir? Was dürfen wir voneinander erwarten? Was ist noch Liebe – und was bloß Routine?
Ich kenne Paare, bei denen einer sich verändert – neue Träume, ein neues Ich, neue Tiefe. Und der andere bleibt erstmal stehen.
Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil er gerade der ruhige Anker ist.
Und wenn Liebe da ist – eine echte, offene, reife Liebe – dann kann genau dieser Unterschied eine Brücke sein:
Einer geht voran, der andere hält den Raum. Und gemeinsam findet man den Weg durch die Veränderung.
Nicht, indem beide gleich sind – sondern indem man sich gegenseitig mitträgt.
Ich kenne aber auch Beziehungen, in denen einer spürt: „Ich liebe dich, aber ich halte mich klein, um zu bleiben.“
Und andere, in denen einer geht, obwohl er liebt – weil er sich selbst sonst verliert.
Das Schwierige: Wir haben gelernt, dass romantische Liebe alles sein soll.
Tief. Wild. Sicher. Leidenschaftlich. Für immer.
Aber oft ist sie einfach: ein Ort der Entwicklung.
Und manchmal bedeutet das auch: loslassen.
Oder einander neu begegnen – mit mehr Ehrlichkeit, mehr Respekt, und manchmal auch mit neuen Grenzen.
Freundschaft – vielleicht die freieste Form der Liebe (wenn wir sie lassen)
Je mehr ich über all das nachdenke...
Freundschaft ist für mich die kraftvollste Form der Liebe.
Warum?
Weil sie frei ist.
Weil niemand „muss“.
Weil wir uns freiwillig begegnen – und immer wieder neu entscheiden, ob wir einander begleiten wollen.
Ich habe Freundschaften, in denen ich mich zeigen darf – in Licht und Schatten.
Freundschaften, in denen ich nicht nur durch schwierige Zeiten getragen werde,
sondern in denen meine Erfolge ehrlich gefeiert werden – ohne Neid, ohne Vergleich.
Denn echte Freundschaft ist für mich Mitfreude pur.
Ohne Hintergedanken.
Ohne dieses subtile „Ich gönn’s dir ja, aber...“.
Mit ganzem Herzen.
Doch Freundschaft ist nicht immer leicht.
Auch hier gibt es Erwartungen:
– Du meldest dich nicht mehr.
– Ich war für dich da, warum bist du es jetzt nicht für mich?
– Warum hast du das geteilt – und nicht mit mir?
Und auch hier braucht es manchmal ein ehrliches Hinschauen:
Will ich diese Erwartungen erfüllen?
Oder passe ich gerade nicht mehr in das Bild, das jemand von mir hat?
Freundschaft kann frei machen –
aber nur, wenn wir einander lassen können, wie wir sind.
Und genau darin liegt für mich ihre Schönheit:
Sie erlaubt Nähe, ohne Kontrolle.
Sie schenkt Verbindung, ohne Zwang.
Und wenn sie echt ist, bleibt sie – auch wenn man sich mal verliert.
Liebe mit Grenzen – aber ohne Bedingung
Was ich an Freundschaft liebe, ist auch: Sie darf Grenzen haben.
Man darf sich mal nicht melden.
Man darf verschieden sein.
Man darf ehrlich sagen: „Ich kann gerade nicht.“ – und trotzdem bleiben.
In einer Welt, in der so viele Beziehungen funktionieren müssen, ist Freundschaft frei von Funktion.
Und genau deshalb so wertvoll.
Mit Liebe ist das Leben schöner – aber wir dürfen neu wählen, wie sie aussieht
John Strelecky schreibt:
„Mit Liebe ist das Leben schöner.“
Ich glaube das auch.
Aber ich glaube nicht, dass Liebe immer das ist, was uns beigebracht wurde.
Manchmal ist Liebe auch:
– sich aus einer Familie zu lösen, die einen klein hält.
– eine Beziehung zu beenden, in der man sich selbst verliert.
– eine Freundin zu umarmen, die mit einem lacht – ohne etwas zu wollen.
– Verständnis zu schenken, wenn der andere gerade nicht auf gleicher Höhe mitgeht.
Liebe ist nicht immer laut.
Manchmal ist sie ein stilles „Ich bin da.“
Oder ein echtes „Ich freu mich für dich.“
Und manchmal beginnt sie, wenn wir aufhören, uns selbst zu verurteilen – weil wir andere Vorstellungen von Nähe und Bindung leben als erwartet.
Ich feiere Freundschaft. Mit Grenzen. Mit Tiefe. Mit echter Liebe.
Ich glaube, wir dürfen neu definieren, was Liebe für uns ist.
Nicht nach Schema F. Nicht nach Rollen. Sondern nach Gefühl, Klarheit und echter Verbindung.
Und ich feiere Freundschaft.
Weil sie mich begleitet – ehrlich, freiwillig, stark.
Weil sie mich spiegelt – aber nie zwingt.
Weil sie bleibt, wenn nichts bleiben muss.
Mit ihr lebt es sich leichter.
Und schöner.
Sylvia Wichmann
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