Warum Veränderung Zeit braucht
und wie wir Geduld mit uns selbst lernen können
Ich möchte mit einem Geständnis beginnen: Ich bin ungeduldig. Nicht mit meiner besten Freundin, die immer wieder mit denselben Fragen kämpft, oder mit dem Kind, das beim Lernen eine Stunde länger braucht, als ich erwartet hätte. Nein, ich bin ungeduldig mit mir selbst. Viel zu oft.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch: Du setzt dir ein Ziel – sei es, geduldiger zu werden, besser Grenzen zu setzen oder dich von alten, ungesunden Mustern zu lösen. Aber anstatt dich über kleine Fortschritte zu freuen, fokussierst du dich auf das, was noch nicht perfekt ist. Und diese innere Stimme, die dir sagt: „Du müsstest doch längst weiter sein!“, wird lauter.
Aber warum sind wir eigentlich so ungeduldig mit uns selbst? Und was können wir tun, um nachsichtiger mit uns umzugehen?
Veränderung braucht Zeit – und das ist okay
Eine wichtige Erkenntnis, die ich in meiner Arbeit als psychologische Beraterin immer wieder sehe: Veränderung ist kein linearer Prozess. Es gibt keine klare Linie, die von „A“ nach „B“ führt, sondern vielmehr ein verschlungenes Netz aus Fortschritten, Rückschlägen und kleinen Erkenntnissen.
Das liegt daran, dass tief verwurzelte Verhaltensmuster und Denkmuster oft Jahre oder Jahrzehnte gebraucht haben, um sich zu entwickeln. Sie sind wie alte Freunde, die wir nur schwer loslassen können, auch wenn wir wissen, dass sie uns nicht guttun.
Dennoch neigen wir dazu, uns selbst unrealistische Fristen zu setzen. Würden wir das Gleiche von einer guten Freundin verlangen? Vermutlich nicht.
Warum wir mit uns selbst so streng sind
Die meisten von uns haben die Angewohnheit, sich selbst viel kritischer zu beurteilen als andere. Während wir für andere Verständnis und Mitgefühl aufbringen können, behandeln wir uns selbst oft wie einen Schüler, der immer wieder durch dieselbe Prüfung fällt.
Das hat oft mit inneren Überzeugungen zu tun, die uns schon früh geprägt haben: „Du musst stark sein.“, „Du darfst keine Fehler machen.“, „Du bist nur dann gut genug, wenn du schnell Ergebnisse lieferst.“
Solche Überzeugungen treiben uns an – aber sie machen uns auch unnachgiebig und ungeduldig mit uns selbst.
Wie wir Geduld und Nachsicht mit uns selbst üben können
Geduld mit uns selbst zu lernen, ist ein Prozess. Aber er beginnt mit ein paar bewussten Entscheidungen:
1. Sprich mit dir wie mit deiner besten Freundin
Wenn deine Freundin verzweifelt ist, weil sie das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten, was sagst du dann? Wahrscheinlich baust du sie auf, zeigst ihr, wie weit sie schon gekommen ist, und ermutigst sie, weiterzumachen. Warum also nicht genauso mit dir selbst sprechen?
Übung: Schreibe dir auf, was du einer Freundin in deiner Situation sagen würdest. Lies es dir laut vor – als wäre es für dich.
2. Feiere kleine Erfolge
Zu oft übersehen wir die kleinen Schritte, die wir machen, weil wir uns nur auf das Endziel konzentrieren. Aber Veränderung besteht aus vielen kleinen Momenten: der eine Tag, an dem du achtsamer mit dir bist, die eine Situation, in der du deine Grenzen gewahrt hast.
Übung: Führe ein Erfolgstagebuch, in dem du jeden Abend eine Sache aufschreibst, die dir gelungen ist.
3. Akzeptiere Rückschritte als Teil des Prozesses
Rückschritte sind keine Niederlagen. Sie sind ein natürlicher Teil jeder Veränderung und oft die besten Lehrer. Statt dich dafür zu verurteilen, frage dich: „Was kann ich daraus lernen?“
4. Baue Rituale der Selbstfürsorge ein
Geduld braucht Raum, um sich zu entfalten. Achtsamkeitsübungen, wie Meditation oder bewusstes Atmen, können dir helfen, einen liebevolleren Umgang mit dir selbst zu entwickeln.
Übung: Plane jeden Tag fünf Minuten ein, in denen du nur für dich da bist – ohne Ansprüche, ohne Erwartungen.
5. Sei dir deiner Glaubenssätze bewusst
Manchmal hilft es, die eigenen inneren Überzeugungen zu hinterfragen. Muss wirklich immer alles schnell gehen? Ist es wirklich schlimm, wenn ein Ziel länger dauert?
Du bist dein eigener Verbündeter
Veränderung braucht Zeit. Sie ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Und wie bei jedem Marathon ist es wichtig, die Etappen zu feiern und nachsichtig mit sich zu sein, wenn man eine Pause braucht.
Das nächste Mal, wenn du merkst, dass du dich selbst hart kritisierst, halte kurz inne. Frage dich: „Wie würde ich in dieser Situation mit meiner besten Freundin sprechen?“ Und dann sprich genauso mit dir selbst. Denn am Ende bist du deine wichtigste Verbündete – und du verdienst denselben Respekt und dieselbe Geduld wie jeder andere auch.
Sylvia Wichmann
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