Die blöde Ungewissheit
8/24/20253 min read
Ungewissheit gehört zum Leben – und doch fühlt sie sich für viele wie ein Stresstest an, der kein Ende nimmt.
In meiner psychologischen Praxis komme ich häufig mit diesem Thema in Berührung. Menschen erzählen mir, wie das Warten, das Nicht-Wissen, das Fehlen von Klarheit sie innerlich zermürbt. Ob es um eine medizinische Diagnose geht, eine Jobentscheidung, eine Beziehung oder schlicht die Frage, wie das Leben in ein paar Monaten aussehen wird – Ungewissheit kann uns das Gefühl geben, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Und weißt du was? Auch ich kenne dieses Gefühl sehr gut. Auch ich tue mich manchmal schwer damit, nicht zu wissen, was kommt. Es ist ein Lernprozess – für mich genauso wie für meine Klient:innen. Aber man kann lernen, mit Ungewissheit anders umzugehen: nicht als Feind, sondern als Begleiter.
Warum Ungewissheit so schwer auszuhalten ist
Unser Gehirn liebt Vorhersehbarkeit. Pläne, Strukturen, Sicherheit – all das gibt uns das Gefühl von Kontrolle.
Wenn diese Kontrolle wegbricht, schaltet der Körper auf Alarm. Sorgen und Grübeln übernehmen das Steuer, auch wenn (noch) gar nichts passiert ist.
Ich selbst kenne diesen inneren Alarm nur zu gut: das Gefühl, unbedingt Antworten haben zu müssen. Doch mit der Zeit habe ich gelernt, dass man diese Dringlichkeit nicht immer ernst nehmen muss.
Das Gedankenkarussell: „Was wäre wenn…?“
„Was, wenn ich eine falsche Entscheidung treffe?“
„Was, wenn das Ergebnis schlecht ausfällt?“
„Was, wenn alles schiefgeht?“
Diese Fragen rauben uns Energie und Präsenz. Sie ziehen uns in eine Zukunft, die vielleicht nie eintreten wird – und nehmen uns die Kraft, das Heute zu gestalten.
5 Wege, besser mit Ungewissheit umzugehen
1. Akzeptiere, dass nicht alles planbar ist
Akzeptanz bedeutet nicht, alles gutzufinden. Es heißt nur: „Ich weiß es jetzt nicht – und das ist okay.“
Auch ich übe das immer wieder. Jeder kleine Schritt in Richtung Gelassenheit stärkt die Fähigkeit, mit Unsicherheit zu leben.
2. Konzentriere dich auf das, was du beeinflussen kannst
Frage dich: „Was liegt heute in meiner Hand?“
Eine E-Mail schreiben, ein Telefonat führen, sich Ruhe gönnen – kleine Schritte sind Anker in stürmischen Zeiten.
3. Routinen als Halt nutzen
Routinen sind wie Geländer an einer wackeligen Treppe. Ob ein abendlicher Spaziergang oder ein Morgenritual: Sie schaffen Stabilität, wenn außen alles unsicher wirkt.
4. Präsenz üben: die 5-4-3-2-1-Methode
Ungewissheit zieht dich in die Zukunft. Mit dieser Methode holst du dich ins Hier und Jetzt zurück:
5 Dinge sehen
4 Dinge fühlen
3 Dinge hören
2 Dinge riechen
1 Sache schmecken
Ich selbst nutze diese Übung oft, wenn mein Kopf Karussell fährt – und spüre, wie sich sofort etwas beruhigt.
5. Der „Sichere Ort“
Schließe die Augen und stelle dir einen Ort vor, an dem du dich vollkommen geborgen fühlst. Male ihn dir in allen Details aus: Geräusche, Farben, Gerüche.
Dieser innere Rückzugsort kann dich jederzeit stabilisieren – wie ein Zuhause in dir selbst.
Wie EMDR bei Ungewissheit helfen kann
EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist ursprünglich aus der Traumatherapie bekannt, wirkt aber auch bei Unsicherheit und Ängsten.
Durch bilaterale Stimulation (z. B. Augenbewegungen oder Tapping) unterstützt EMDR das Gehirn, belastende Gedanken und Gefühle zu verarbeiten.
Gerade im Umgang mit Ungewissheit kann EMDR helfen:
Sorgen und Ängste beruhigen
festgefahrene Gedanken lösen
Ressourcen wie den sicheren Ort stärken
mehr Zuversicht im Alltag entwickeln
Viele Klient:innen berichten nach EMDR-Sitzungen: „Die Situation ist noch dieselbe, aber ich fühle mich stärker und gelassener.“
Zuversicht zulassen – Schritt für Schritt
Ungewissheit wird nie verschwinden. Aber wir können lernen, ihr mit mehr Vertrauen zu begegnen.
Auch ich muss das üben – immer wieder. Vielleicht geht es gar nicht darum, Ungewissheit irgendwann perfekt auszuhalten, sondern darum, trotzdem Zuversicht zuzulassen.
Zuversicht bedeutet: nicht zu wissen, was kommt, und trotzdem zu vertrauen, dass man einen Weg finden wird. Dieser Weg beginnt im Hier und Jetzt – mit einem Atemzug, einer kleinen Handlung, einem Gedanken voller Mitgefühl für dich selbst.
Ungewissheit auszuhalten ist wie ein Muskel, den man trainieren kann. Je öfter du übst, im Jetzt zu bleiben, desto stärker wird dein Vertrauen. Und du wirst merken: Du bist nicht allein – es gibt Wege, und es gibt Unterstützung.
Sylvia Wichmann
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